Greifvögel und Windkraft

Greifvögel sind weltweit in besonderem Maße von Kollisionen mit Windrädern betroffen. Insbesondere der Rotmilan und der Seeadler sind aufgrund ihres Verhaltens (Flughöhe, Sichtfeld, offenbar geringe Meidung von Windparks) besonders durch Kollisionen gefährdet.

Welche Relevanz die Kollision mit Windkraft allerdings für die Population des Rotmilans und auch des Seeadlers hat, ist höchst umstritten. Um die Populationsgefährdung bestimmen zu können, sind oft Hochrechnungen und Annahmen notwendig, weil die Datenlage nicht ausreichend ist. Diese Hoch-rechnungen bieten viel Raum, um das Ergebnis in verschiedener Weise zu interpretieren, sei es im Interesse des Ausbaus der Windenergie oder, um aus Naturschutzgründen dagegen zu argumentieren. Solche methodisch nicht einwandfreien Studien tragen jedoch nicht dazu bei, eine hochwertige wissenschaftliche Faktenlage zu Rotmilan, Seeadler, Kaiseradler und Schwarzmilan zu schaffen, auf deren Basis politische Entscheidungen getroffen werden sollten. Außerdem ist es nicht unbedingt nur eine Frage, ob generell weitere Windenergieanlagen gebaut werden sollen, sondern auch wie man das Risiko für Greifvögel im Windpark minimieren kann. Dafür sollen wissenschaftliche Studien durchgeführt werden sowie bestehende Studien herangezogen werden. Eine Studie hat z.B. gezeigt, dass das Risiko verringert wird, wenn viele Windkraftanalgen in einem Windpark aggregiert sind, es sollte allerdings auch nicht alle paar Kilometer solche Windparks sein (Schaub 2012). Auch das Verhindern von attraktiven Flächen für den Rotmilan in der Nähe von Windparks und das Abschalten der Anlagen während der Erntezeit könnten die Kollisionsgefahr verringern (Reichenbach 2017). In Abstimmung mit Befürwortern und Kritikern der Windenergie soll eine Einigung auf Kennzahlen erfolgen, um diese der Politik als Grundlage für weitere Entscheidungen zur Verfügung zu stellen. Ziel des TB Raab ist es, die maßgebende Literatur zur Erstellung einer „Technischen Analyse Artenschutz“ zum Rotmilan aufzubereiten. Methodische Fehler sollen aufgezeigt werden und gezielt in eine Richtung gelenkte Ergebnisse berichtigt werden.

Derzeit wird in Deutschland über das gesetzlich verankerte Tötungsverbot ein auf einzelne Individuen bezogener Ansatz verfolgt. Bereits ein einziger nahe gelegener Horst kann daher ausreichen, um einen Windpark zu verhindern, weil für das betroffene Paar daraus ein über das natürliche Maß hinausgehendes Tötungsrisiko resultiert. Im Interesse der Windkraft und der Energiewende ist eine solche Herangehensweise bei einem in Deutschland flächendeckend vorkommenden Vogel eventuell zu überdenken. Das deutsche Bundeswirtschaftsministerium hat im Oktober 2019 nach dem „Windgipfel“ eine Aufgabenliste zur Schaffung von Akzeptanz und Rechtssicherheit für die Windenergie an Land verabschiedet. Darin nimmt die Definition von Kriterien zur Bestimmung des signifikant erhöhten Tötungsrisikos einen wichtigen Raum ein.

Weitaus zweckdienlicher wäre ein populationsbezogener Ansatz, der im Idealfall nicht nur nationale Interessen verfolgt, sondern den Rotmilan auf europäischer Ebene erhält. Auch Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland (NABU) will bei Windpark-Genehmigungen „eine Ausnahme vom Tötungsverbot“ zugestehen. Im Vordergrund muss der Erhalt der Art auf einem durch Politik und Naturschutz gemeinsam festgelegten Niveau stehen. Dieses Ziel sollte dann mithilfe von Maßnahmen sowohl national als auch auf europäischer Ebene umgesetzt werden. Eine Vorreiterrolle übernimmt dabei das LIFE Projekt EUROKITE, durch dessen Einsatz beim Kampf gegen illegale Aktivitäten wie Vergiftung und Abschuss eine Steigerung der Population des Rotmilans bis 2032 um europaweit 9,5 % erreicht werden soll, trotz voraussichtlich weiterem Ausbau der Windenergie. Dies ist möglich, weil die Verluste durch die Windenergie nach bisheriger Datenlage eine untergeordnete Rolle im Vergleich zu illegalen Aktivitäten und der Intensivierung der Landwirtschaft einnehmen. Um die Art auf Populationsniveau zu erhalten und zu schützen, ist es nötig, die Haupttodesursachen im Detail zu ermitteln und bei diesen anzusetzen.

Das Ziel des LIFE EUROKITE+ Projekts ist, mithilfe von Telemetriestudien repräsentative Daten für einen populationsbezogenen Ansatz zu generieren, aber auch ein weiteres Teilprojekt zu planen, das technische Lösungen für den Schutz einzelner in der Nähe von Windparks lebender Brutpaare ermöglichen soll. Dabei sollen solche Individuen besendert werden und durch moderne Sender mit entsprechender Software in der Nähe des relevanten Windparks Sekundendaten (1 Datensatz pro s) aufgezeichnet werden, um das Verhalten im Windpark im Detail zu studieren. Zusätzlich soll mittelfristig ermöglicht werden, die Windkraftanlagen kurzzeitig abzudrehen, sollte ein so besendeter Vogel sich in der unmittelbaren Nähe aufhalten, wodurch eine Kollision verhindert wird und das Tötungsverbot dadurch nicht verletzt wird.

Mit den Telemetriedaten Daten können dann mehrere für die Windkraft relevanten Fragen mit wissenschaftlich fundierten Methoden geklärt werden. Das Projekt LIFE EUROKITE+ wird sich mit dem Verhalten im Windpark, der Relevanz von Windparks auf Zugrouten, den Schlafplätzen und der europäischen Populationsentwicklung beschäftigen.

 

Referenzen:

Reichenbach, M. 2017. Wind turbines and birds in Germany-examples of current knowledge, new insight and remaining gaps.

Schaub, M. 2012. Spatial distribution of wind turbines is crucial for the survival of red kite populations. Biological Conservation 155: 111–118.